Hirschbrauerei Flözlingen – Gefangen im Turmsudhaus

Hirschbrauerei

Über einen tollen SWR Beitrag bin ich auf Rolf Schittenhelm und seine Flözlinger Hirschbräu aufmerksam geworden. Also hab ich meinen Lieblings-Brauereichallengebegleiter Olly von der Karftbierwerkstatt ins Auto gepackt  und ab ging es Richtung Bierhimmel.  Flözlingen liegt auf dem Weg von Böblingen nach Singen linksseitig der Autobahn, Ausfahrt Rottweil. Leute, der Thyssen-Krupp-Turm mag ganz interessant sein, die Hirschbräu toppt diesen bei Weitem. Ein unbedingtes Brauerei musthave.

Doch erst einmal der Reihe nach. Rolf Schittenhelm hat uns sogleich ganz arg nett empfangen. Er führt seine 1793 gegründete, heute 225 Jahre alte (!) Brauerei seit 1991. Vorher hat er seine Brauerlehre bei der leider 1996 geschlossenen Brauerei Wehle in Dunningen absolviert. Seinen Meister hat Rolf in Ulm mit 21 Jahren gemacht, als damals jüngster Braumeister Deutschlands. Und dann ging es los auf echte adventure challenge ins Sudhaus.

Da war ich gleich mal richtig sprachlos. Und das kommt an meinen Lieblingsorten selten vor. Rolf betreibt ein echtes TURMSUDHAUS. Das habe ich so im Original noch nie gesehen. Dieses System findet man heute ähnlich nur noch bei Hobbybrauanlagen. Und der Hammer: Beheizt mit Holzfeuerung!!!

Hier ist noch echtes Handwerk gefragt. Die exakte Temperaturführung beim Maischen  würde den einen oder anderen „Craftbrewer“ mit Sicherheit an seine Grenzen bringen. Rolf hat das aufgrund seiner langjährigen Erfahrungen voll im Griff. Für 10 hl Ausschlagwürze benötigt er einen dreiviertel Meter Holz und der kostet ca. 60 € auf dem freien Markt. Zum Glück hat Rolf einen eigenen Wald und bezieht von dort das meiste Brenngut.

Die Maische- und Sudpfanne sitzt ganz unten im Turm, darüber ist der Läuterbottich aufgesetzt. Da haben sich die alten Brauer hinsichtlich der Energieoptimierung die richtigen Gedanken gemacht. Effizienter geht es fast nicht. Denn Wärme steigt ja bekannter maßen von unten nach oben. Schön wie die Vorderwürze in die Pfanne rinnt,…..

… nachdem sie über den kleinsten aber feinsten mir bekannten Läutergrand gelaufen ist.

Und Rolf hat die Würze gleich verkostet und für gut befunden. In Farbe, Glanz und Reinheit.  Rolf plant übrigens seit 20 Jahren auch Brauereien im Ausland. In China, Shanghai und Co. Das ist sein Urlaub, sein Wellness. Denn da „schaff ich nur 12 Stunden am Tag anstatt 18 Stunden daheim“. Das bringt ihm jede Menge Inspiration und Erfahrung. IPAs hat er z.B. schon vor vielen, vielen kalten Wintern im Ausland gebraut. Bevor die große Welle bei uns aufgeschlagen ist. Und das ganz nach seinem Motto: „Das Gute nehm ich mit, das Schlechte lass ich da.“ Und deswegen braut er bei sich real old school aber um so hipper am Liebsten sein Spezial ganz klassisch. 2018 übrigens das erste Mal Pils. Wie geil.

Der Läuterbottich wird noch mit einem Transponder angetrieben. Der schnurrt wie eine Katze, das ist voll meditativ. Wäre ich nicht wach gewesen, hätte ich wohl einen meiner schönsten Träume geträumt.

Ein kleiner Blick in den Läuterbottich, schön der Treberkuchen, ….und weiter geht es in den….

… Kaltbereich. Zuerst vorbei an den zwei offenen Gärbottichen. Diese sind gerade leer, da Rolf normalerweise 1 Sud pro Woche macht. Hierbei helfen ihm übrigens seine 2 supernetten Brauer. Der Tim aus Australien, der gerade seine Lehre macht, und sein Oberbrauer aus Brasilien. Internationales Flair in traditioneller Kleinstbrauerei. So wohl ziemlich einzigartig.

Voll schön das original Überdruckventil am Alutank aus den 50ern.

Dann geht es die Treppe hinauf in den neuen Lagerkeller, Schwindelfreiheit vorausgesetzt.

Rolf lagert sein Spezial, das ist die Hauptsorte, mindestens 6-8 Wochen in den Velo Edelstahl Tanks. Die herrlichen Böcke zwischen 10-12 Wochen. Und das zahlt sich aus. Wir haben gleich mal einen Maibock gezwickelt, sooo köstlich und weich, ein Bocktraum.

Und da seht ihr einen modernen Spundapparat. „Kellermeister“ genannt, der dafür sorgt, dass immer der richtige Druck auf dem Tank ist. Und der ist ja bekanntermaßen verantwortlich für die moussierende Kohlensäure im Bier.

Abgefüllt werden in diesem Raritätenfüller von anno dazumal 800 Flaschen pro Stunde. Das macht Rolf zu dritt. Befüllt wird der gute Gerstensaft nur in die gute alte Bügelflasche 0,5l. Und das ist hier echt authentisch.

Rolf betreibt seine Braugaststätte übrigens selber. Und das nach jedem Brautag. Respekt. Leute, da müsst ihr unbedingt hin. Da gibt es leckere schwäbische Hausmannskost mit leckerem Bier direkt aus meiner nun schönsten und kleinsten besuchten Brauerei nördlich des Äquators.

Mein Fazit: Rolf, „der Optimist mit Erfahrung“. Vielen herzlichen Dank für deine Bierleidenschaft. Du bist echt klasse! Cheers.

 

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